Krieg in Europa – das war vor 20 Jahren noch eine irre klingende Utopie. Anfang der 1990er Jahre war die Sowjetunion gerade zusammengebrochen und abgewickelt worden, der Kalte Krieg schien für immer überwunden. Europa sollte auf eine gemeinsame Zukunft zusteuern, die dauerhaften Frieden für alle und ein Miteinander der Völker auf dem Kontinent versprach.
Wie sagte Konrad Adenauer 1946, also unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs:

„Es gibt nichts nach meiner tiefsten Überzeugung, was diesem gequälten, so oft von Kriegen durchtobten Erdteil endlich einmal Ruhe und Frieden bringen kann, als die Vereinigten Staaten von Europa.“

Das gemeinsame Europa ist zwar längst Realität, doch der Frieden ist längst nicht mehr so sicher wie lange angenommen. Krieg in oder gegen Europa – ist das wieder möglich?

Konflikte überall – und kein Krieg in Europa!

Natürlich ist Europa nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext der globalen Krisenherde. Helmut Kohl sagte einst:

„Wir wollen ein friedfertiges Europa schaffen. Ein Europa, das stark genug ist, den Frieden auf unserem Kontinent zu sichern, kann auch einen aktiven Beitrag zum Frieden der Welt leisten.”

Wegweiser mit Schildern von Russia, China, den Koreas, USA und der EU

Konflikte und Krisenherde allerorten – welche Rolle spielt Europa? © istock/Darwel

Doch was ist mit Europa 2018? Und was ist mit dem Rest der Erde? Die Welt steht an vielen Stellen in Flammen, und die vielen Konflikte und Kriege verbunden mit den unterschiedlichsten Interessen überall lassen auch einen Krieg in Europa wieder in den Bereich des Möglichen rücken.

Der Blick zurück zeigt: Kriege waren in Europa über Jahrhunderte gang und gäbe. Man bekämpfte sich, wo es nur ging. Schließlich mündeten die größten Auseinandersetzungen, die in Europa Ihren Ursprung hatten, in zwei grausamen Weltkriegen, die allein in Europa Millionen Tote zur Folge hatten.

Bedeutendste Kriege der europäischen Geschichte

Um es vorweg zu sagen: Im Zusammenhang mit Krieg von „bedeutend“ zu sprechen, ist ein Euphemismus, denn „bedeutend“ klingt erst einmal nach etwas wichtigem im positiven Sinne. Natürlich waren und sind Kriege schlimm und schärfstens zu verurteilen, aber sie haben für die Entwicklung Europas – und natürlich auch überall anderswo – eine immense Bedeutung, da sie in der Regel neben schlimmem Leid auch schwerwiegende Veränderungen für die Menschen brachten. In Form von Siegern und Besiegten.

Daher ist es nahezu unmöglich, Kriege zu kategorisieren oder zu bewerten: Ist die Anzahl der Opfer entscheidend? Auch, aber nicht allein. Denn schon die Entwicklung der Waffensysteme bedingt, dass die Zahl der Toten im Verlauf der Zeit immer größer wurde. Verständlicherweise lässt sich mit einer 1.000 Kilo-Bombe wesentlich mehr Unheil anrichten als mit einem Speer. Ob man Kriege aber nach Grausamkeit einstufen kann? Eher nicht. Allerdings wird wohl niemand widersprechen, dass die beiden Weltkriege in punkto Bedeutung für Europa – und große Teile der Welt – außerordentlich bedeutend waren:

  • Erster Weltkrieg: Bis zu 20 Millionen Tote soll es von 1914 bis 1918 im Ersten Weltkrieg gegeben haben.
  • Zweiter Weltkrieg: Man geht davon aus, dass der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 50 bis 80 Millionen Tote weltweit gefordert hat.

Doch auch Jahrhunderte zuvor wurden schon Maßstäbe gesetzt in punkto brutaler europäischer Kriege, zum Beispiel

  • in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, in der Napoleon von Preußen zurückgeschlagen wurde. Sie gilt mit über 100.000 Toten als die bis dahin blutigste Schlacht der Menschheit.
  • oder der Schlacht von Waterloo 1815, in der erneut Napoleon den Kürzeren zog, diesmal gegen das britische Königreich, Holland und Preußen. Das Gemetzel forderte weit über 10.000 Todesopfer und an die 40.000 Verwundete. Auch Tausende Pferde wurden getötet.

Und aus jüngerer Geschichte ist der Bosnienkrieg (1992-1995) mit mehr als 100.000 Toten zu erwähnen, der letztendlich das vormalige Jugoslawien in die neuen Staaten Serbien, Montenegro, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien und den Kosovo zersplitterte.

Comeback des Kalten Krieges

Einer der bedeutendsten Kriege für Europa und den Rest der Welt war ein Krieg, in dem zwar die Waffen schwiegen, sich dafür jedoch die Systeme West/Nato und Ost/Warschauer Pakt nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte in einem erbitterten Streit der Ideologien und einer atomaren Aufrüstung gegenüberstanden, bis es seitens der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow und seiner Perestroika eine schnelle Öffnung verbunden mit einem massiven Abbau von Atomwaffen kam: Der Kalte Krieg.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Pakts schien der Kalte Krieg endgültig beendet und die Gefahr einer Konfrontation zwischen Ost und West gebannt. Doch diejenigen Kräfte, die diese Demütigung für die russische Seele nicht hinnehmen mochten, waren im alten Sowjetreich nie ganz verstummt. Und die Entwicklung Russlands im neuen Jahrtausend unter der scheinbar ewigen Herrschaft Putins hat nicht nur alte Gegensätze der ehemals verfeindeten Systeme wieder aufbrechen lassen – Russland macht inzwischen wieder seine Ansprüche als Großmacht geltend, was vorerst in der Annektierung der Krim gipfelte. Ganz nebenbei dehnt Putin seine militärischen Drohgebärden verstärkt in allen Krisengebieten des Nahen Osten aus, um seine Machtoptionen in dieser Gegend zu stärken. Generell steht Russland überall dort, wo sich auch die USA (militärisch) engagieren, in den Startlöchern, um seine geopolitischen Interessen zu wahren, egal ob in Syrien/Iran, in der Frage Israels oder am Brennpunkt Nordkorea. Und nicht zuletzt sieht Putin inzwischen Europa als potentiellen Gegner, bezeichnet Nato und EU per Militärdoktrin als „Bedrohung“ für Russland.

Und was tut Europa?

Was tut Europa in den vorgenannten Konflikten? Nicht viel. Während die USA, Russland und China überall Zähne zeigen, sei es, dass Russland sich die Krim einverleibt und einen formidablen Bürgerkrieg in der Ukraine über Jahre speist, dass die USA unter Trump Strafzölle gegen China und Europa in die Wege leiten, dass China den Handelskrieg mit den USA annimmt und sich mit gleichen Mitteln wehrt, schmort Europa im eigenen Saft, verzweifelt an seinen inneren Problemen und verliert mehr und mehr an Gewicht.

Europa wirkt handlungsunfähig – und ist es wohl auch. Großbritannien hat nach dem Brexit nicht mehr viel mit dem Gedanken Europa am Hut, Frankreich versucht mit seiner Hoffnung Macron einen neuen Wind zu entfachen, kommt aber nicht so recht voran, und Deutschland hat unter Merkel in ihrer vierten Amtszeit scheinbar nicht mehr die Kraft, die Vorherrschaft in Europa selbstbewusst zu gestalten und damit nach außen eine starke Position Europas zu etablieren. Zudem verabschiedet sich Italien ins wirtschaftliche Chaos, Spanien rangiert schon lange unter „ferner liefen“ und die Osteuropäer, vornehmlich Ungarn und Polen, kümmern sich in erster Linie um ihre wirtschaftlichen Vorteile und sind ansonsten, Stichwort Flüchtlingspolitik, an gemeinsamen Positionen Europas kaum interessiert.

zerstörte Stadtkulisse

Krieg in Europa – kann das Schreckensszenario Realität werden? © istock/everlite

Ist Krieg in Europa wieder realistisch?

In jeder halbwegs wichtigen Laudatio wird Europa immer wieder als Garant für Frieden und Wohlstand gewürdigt. 2012 erhielt die EU den Friedensnobelpreis für ihren „erfolgreichen Kampf für Frieden, Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte“.

Der Kontinent ist also auf dem besten Weg. Oder?

  • Ja, denn von einem Krieg in Europa oder einem Krieg Europas mit äußeren Mächten hatte man sich vor 20 Jahren verabschiedet.
  • Nein, denn zwei Jahrzehnte später sieht es weniger gut aus. Handelskriege bestehen bereits mit Russland (offiziell „Sanktionen“ genannt): mit den USA stehen sie unmittelbar bevor.

Die Uneinigkeit der Europäer tut das ihre, Europa wirtschaftlich ins Hintertreffen zu bringen. Bei militärischen Optionen engagiert sich kaum jemand, so dass das Vertrauen in die Verlässlichkeit Europa abnimmt. Ergo: Die Schwäche Europas kann auf absehbare Zeit dazu führen, dass sich der Kontinent im wahrsten Sinne des Wortes angreifbar macht.

„Wir haben oft Grund, nicht zufrieden mit Europa zu sein. Aber wenn wir uns mal umschauen, in welchen Regionen kein Frieden ist, dann sehen wir den Wert von Europa: dass Europa ein Friedensprojekt ist.”

Dieser Satz stammt von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem September 2017. Bezeichnenderweise sprach sie von einem Friedensprojekt. Ein Projekt ist laut Duden ein (groß angelegtes) Vorhaben. Leider können Projekte auch scheitern.

 

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