In unserem Artikel über die Top 5 der europäischen Länder in Bezug auf Fläche und Einwohner hatten sich ja zahlreiche Leser zu ihrer Sichtweise geäußert, ob Russland zu Europa gehört. Das haben wir zum Anlass genommen, um einmal die aktuelle Situation diesbezüglich zu beleuchten. Die Beziehungen Russlands zu Europa gestalten sich seit geraumer Zeit als sehr schwierig. Einige Krisenpunkte:

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Proteste in Europa gegen Russlands Vorgehen in der Ukraine wie hier in Wien 2014 (c) iStock.com / benstevens

  • Russlands Auseinandersetzung mit der Ukraine und der Annexion der Krim
  • Europas Wirtschaftssanktionen gegen Russland
  • die Osterweiterung der Nato inklusive Provokationen gegen Russland an den Ostgrenzen Europas
  • die schwierige Rolle Russlands im Verhältnis zur Türkei inklusive der „Männerfreundschaft“ Putin/Erdogan
  • das militärische Eingreifen Moskaus in Syrien

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und der Annäherung der zuvor verfeindeten Systeme schien der Kalte Krieg in den 90er Jahren bereits überwunden. In den letzten Jahren hat sich die Beziehung zwischen Europa, bzw. dem gesamten Westen, und Russland wieder dramatisch verschlechtert. Unter diesem Hintergrund erscheint die Frage, inwieweit Russland aus geschichtlicher, kultureller und politischer Perspektive als europäisches Land zu sehen ist, mehr denn je aktuell.

Gehört Russland zu Europa – geografisch?

Ja, wenn auch nur teilweise. Zwar liegen nur 23 Prozent des russischen Territoriums in Europa, aber 65 bis 85 Prozent der Gesamtbevölkerung Russlands leben auf dem bis zum Ural reichenden europäischen Kontinent. Zu dieser Frage gibt es höchst unterschiedliche Zahlen verschiedener Quellen. In jedem Fall sind mindestens 100 Mio. Russen westlich des Ural angesiedelt und damit als Europäer zu definieren. Der asiatische Teil Russlands dagegen ist sehr dünn besiedelt, birgt aber dank seiner riesigen Rohstoffvorkommen die Existenzgrundlage des größten Landes der Welt. Die geografische Nähe zu Europa wird auch von der Tatsache unterstrichen, dass die mit Abstand wichtigsten Städte Russlands, Moskau und St. Petersburg, im europäischen Teil des Landes liegen. Nebenbei bemerkt ist Moskau mit über 12 Mio. Einwohnern die größte Stadt Europas.

Gehört Russland zu Europa – geschichtlich?

Ja, wenn auch mit etlichen Differenzen. Die russische Geschichte im Zusammenspiel mit Europa ist von zahlreichen Auseinandersetzungen, sprich Kriegen, geprägt. Die ersten starken europäischen Einflüsse gingen auf die Zeit Peter des Großen zurück, der das Zarenreich für europäische Einflüsse öffnete und mit St. Petersburg eine neue, europäisch inspirierte Hauptstadt gründete. Katharina die Große führte schon aufgrund ihrer preußischen Herkunft die Annäherung an europäische Werte und Traditionen fort. Im Gegensatz dazu stand allerdings auch immer das Russland des orthodoxen Glaubens, dass die eigenen Werte des russischen Reiches bewahren wollte und der Europäisierung ablehnend gegenüber stand.

Auch musste sich Russland immer wieder europäischen Aggressoren erwehren. Bedeutende Schlachten hatten die Russen zu überstehen, um ihr Reich zu schützen. So z. B. die vernichtende Schlacht gegen Napoleon 1812, den sogenannten Vaterländischen Krieg. Den Krimkrieg, Angriffe der Polen. Und natürlich den Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion, den Großen Vaterländischen Krieg. Russland sah sich bei aller Nähe zu Europa auch immer in der Verteidigung – der Westen dagegen sieht in jüngerer Geschichte oft Russland als den Aggressor.

Gehört Russland zu Europa – kulturell?

In jedem Fall. Russische Künstler haben über Jahrhunderte einen großen Beitrag zum kulturellen Erbe Europas geleistet. Was wäre beispielsweise die europäische Literatur ohne Puschkin, Gogol, Dostojewski, Tolstoi, Tschechow oder Nabokov? Auch die europäische Musik wäre ohne Künstler wie Rubinstein, Mussorgski, Rachmaninow, Strawinsky, Prokofjew um einiges ärmer. Genauso wenig ist das Ballett ohne Tschaikowskis Meisterwerke „Schwanensee“ oder „Nussknacker“ vorstellbar. Und ein Nurejew im Tanzen war schon zu Lebzeiten eine Legende.

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Auch dank eines Tschaikowski gehört Russland kulturell zu Europa (c) iStock.com / FierceAbin

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Russische Schriftsteller haben einen großen kulturellen Beitrag zu Europa geleistet (c) iStock.com / Nadzeya_Dzivakova

 

Ebenfalls nicht zu vergessen ist der russische Einfluss in der Malerei Europas, etwa durch Kandinsky oder Chagall. Es gibt also genügend Beispiele und Belege dafür, dass Russland einen sehr wichtigen Beitrag zum kulturellen Europa geleistet hat.

Gehört Russland zu Europa – politisch?

Dieses Thema wirft wohl die meisten Fragen auf und ist nicht mit Ja zu beantworten. Russland hat in den letzten 100 Jahren eine politische Berg- und Talfahrt erlebt.

Das Ende des Zarenreiches mit der Oktoberrevolution 1917 führte das Land über Lenin und Trotzki in einen totalitären Kommunismus unter Stalin. Der grausame zweite Weltkrieg und die anschließend entstehenden Fronten der Systeme vertieften den Kampf gegen den Kapitalismus und damit die politische Teilung innerhalb Europas.

Jahrzehntelang lebte die Welt in Angst. Der Kalte Krieg mit dem Rüstungswettlauf zwischen den Blöcken konnte jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen – in der Kubakrise 1962 stand man kurz vor dem 3. Weltkrieg. Dass Gorbatschow mit Perestroika und Glasnost das Ende des Kalten Kriegs einläutete, war auch der finanziellen Situation der Sowjetunion geschuldet. Abrüstung war zur Notwendigkeit geworden. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Beitritt einiger GUS-Staaten und anderer ehemaliger Staaten des Warschauer Paktes zur Nato stand die Großmacht Russland vor einem Scherbenhaufen. Die viel beschriebene russische Seele war zutiefst gedemütigt. Der schwache Präsident Jelzin konnte die politischen Umwälzungen nicht bewältigen: Während das Land und die große Mehrheit der ohnehin schon armen Bevölkerung in den finanziellen Ruin schlitterte, erwuchs auf der anderen Seite eine Horde von unverschämten Oligarchen, die sich die Reichtümer des Landes ungeniert einverleibten.

Wladimir Putin justierte die Macht in Russland wieder neu und schraubte die zarten Bewegungen in Richtung Liberalisierung und Demokratisierung seines Vorgängers zurück. Zudem konnte er Russland wirtschaftlich wieder stabilisieren. Unter diesen Voraussetzungen war es leicht für ihn, die russische Seele zu streicheln mit nationalistischem Getöse, das in immer mehr Aggressionen wie der Annektierung der Krim mündete. Die politische Spaltung mit Europa ist auch aktuell in Syrien zu sehen, wo sich der Kreml an die Seite des Machthabers Assad gestellt hat und diesen militärisch aktiv unterstützt. Aufgrund dieser politischen Differenzen kann man wohl ohne weiteres feststellen, dass Russland aktuell politisch in keinem Fall zu Europa gehört.

Was sagen die Bürger in Russland und Deutschland?

Eine von der Körber-Stiftung in Auftrag gegebene repräsentative Studie von TNS Infratest aus dem März 2016 unter dem Titel „Russland in Europa: Annäherung oder Abschottung?“ brachte interessante Fakten zum Thema.

Erstaunliche Einmütigkeit herrscht bei der Frage unseres Titelthemas: Die Frage, ob Russland zu Europa gehöre, beantworteten 50 Prozent der Deutschen und 51 Prozent der Russen mit „Nein“. Als Begründung für die These, dass Russland nicht zu Europa gehöre, gaben 37 Prozent der Deutschen und 35 Prozent der Russen an, „weil man nicht dieselben Werte teile“. Unterschiede gab es hingegen beim zweithäufigsten genannten Grund: Während 26 Prozent der Deutschen Russland „aufgrund seiner geografischen Lage“ nicht zu Europa gehörig erachten, sehen die Russen mit ebenfalls 26 Prozent den Grund darin, dass es „kaum kulturelle Gemeinsamkeiten“ gebe.

Ziemlich übereinstimmend ist auch die Beurteilung des Verhältnisses zwischen Russland und der EU: Als „Nachbarn“ betrachten 33 Prozent der Deutschen die Russen, umgekehrt sehen 34 Prozent der Russen in der EU „Nachbarn“. Nur jeweils 17 Prozent der Befragten gaben an, das Gegenüber als „Gegner“ zu betrachten.

Wenig überraschend ist, dass beide Seiten ihren politischen Standpunkt verteidigen: Während in Deutschland 52 Prozent die EU-Politik gegenüber Russland als angemessen bezeichnen, sehen das nur 24 Prozent der Russen so. Umgekehrt finden 81 Prozent der Russen die Politik ihrer Regierung gegenüber der EU als angemessen zu bezeichnen, in Deutschland hält sich mit 22 Prozent die Zustimmung bei dieser Frage sehr in Grenzen.

Was allerdings Mut für die Zukunft machen sollte: Eine breite Mehrheit in Deutschland (69 Prozent) und Russland (79 Prozent) sind der Auffassung, dass die Zusammenarbeit zwischen EU und Russland wieder aufzunehmen und die Sanktionen gegen Russland einzustellen sei. 95 Prozent der Deutschen und 84 Prozent der Russen halten die Bedeutung einer politischen Annäherung für „wichtig“.

Man sieht also: Auch wenn man sich auf beiden Seiten nicht unbedingt einander zugehörig fühlt, möchten die Bürger im Osten wie im Westen den Weg des Dialogs gehen. Dies sollte eine klare Botschaft an Putin, Merkel, Steinmeier, Juncker, Hollande etc. sein. Eventuell könnten wir die Frage, ob Russland zu Europa gehört, dann eines Tages mit einem klaren „Ja“ beantworten.

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