Gibt es Eurasien? Oder ist Eurasien nur eine Wortschöpfung? Es gibt fünf Kontinente. Oder sind es sieben? Schauen wir einmal auf Amerika: Die einen betrachten Amerika als einen Kontinent, die anderen teilen auf in zwei Kontinente, nämlich Nord- und Südamerika. In unseren Breitengraden sprechen wir von Eurasien eher als einem Fantasiegebilde, das sich ausschließlich aus seiner geografischen Beschaffenheit speist. Doch betrachten wir das Phänomen „Eurasien“ einmal etwas näher.

Wo liegt die Grenze zwischen Europa und Asien?

Während andere Kontinente durch natürliche Grenzen, nämlich schlichtweg Wasser drum herum, definiert sind, verhält es sich mit Europa und Asien bekanntlich etwas anders. Sie grenzen auf mehreren tausend Kilometern aneinander.
Der genaue Grenzverlauf ist seit jeher umstritten und bis heute nicht in einer allgemeingültigen Grenze definiert. Über die Jahrhunderte verschob sich die Grenze Eurasiens immer weiter nach Osten: erst bis zum Dnjepr, dann bis zur Wolga, dann bis zum Ural, dann bis zum Ob und schließlich bis zum Jenissej.
Die letztlich heute anerkannte Grenzziehung geht zurück auf den schwedischen Geographen Philipp Johan von Strahlenberg. Er erhielt von Peter dem Großen den Auftrag für die Vermessung. Der grobe Verlauf liest sich wie folgt:

  • Insgesamt 5524 Kilometer
  • davon 2000 Kilometer durch den Ural mit den Fixpunkten Orenburg, Orsk, Magnitogorsk, Slatoust
  • bis zum Kaspischen Meer
  • weiter durch die Manytschniederung nördlich des Kaukasus
  • bis zum Schwarzen Meer
  • weiter bis Istanbul, der einzigen Stadt, die gleichzeitig auf zwei Kontinenten liegt.
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GIbt es einen genauen Grenzverlauf zwischen Europa und Asien? (c) iStock.com / bkindler

Insbesondere der Grenzverlauf im nördlichen Kaukasus ist umstritten. Dort liegt der Elbrus, mit 5642 Metern der höchste Berg Russlands. Sollte er zu Europa gerechnet werden, wäre er auch der höchste Berg Europas. Allerdings wird er offiziell Asien zuerkannt – und dort spielt er ob seiner Höhe eine untergeordnete Rolle.

Die neuesten wissenschaftlichen Forschungen wollen einen genauen Grenzverlauf zwischen Europa und Asien nicht mehr gelten lassen. Statt einer Grenz-Linie definieren sie eine Grenz-Zone, die sich zwischen den Flüssen Isset auf europäischer Seite und Tschussowaja auf asiatischer Seite befindet. Übrigens: laut vielen Geografen müsste man die Grenze Eurasiens sinnvollerweise weit westlich des Urals setzen, denn dort beginnen bereits die für den asiatischen Teil typischen Klimazonen und Vegetationen.

Warum ist Eurasien in zwei Kontinente geteilt?

Der Begriff „Kontinent“ kommt  von lateinisch „terra continens“ und bedeutet „zusammenhängendes Land“. Der Wortbedeutung nach macht eine Trennung Eurasiens also keinen Sinn, denn Eurasien ist eine Erdplatte – und damit ein zusammenhängendes Land. Also ist die Aufteilung in Europa und Asien nicht geografisch, sondern kulturell und politisch zu begründen.
Auf europäischer Seite sind natürlich Griechenland und das Römische Reich als historischer Ursprung für die kulturelle und politische Entwicklung Europas zu nennen. Stichworte wie „Philosophie“, „Demokratie“ oder „technischer Fortschritt“ begründeten Europa als „Abendland“.

Im Gegensatz dazu wurde Asien durch fernöstliche (chinesische und japanische) sowie arabische Einflüsse als „Morgenland“ geprägt. Zwar gab es zwischen den Kulturkreisen über Jahrhunderte Austausch, insbesondere Handel über die Seidenstraße – eine echte Annäherung war aber aufgrund der riesigen Entfernung zwischen Europa und Asien nicht gegeben.
Kriegerische Auseinandersetzungen blieben trotz der großen räumlichen Trennung nicht aus. So stand beispielsweise das Osmanische Reich 1863 vor den Toren Wiens – auf der anderen Seite hatte China sich 1839 bis 1842 im Opiumkrieg Großbritannien zu erwehren.

Der Kontinent Eurasien hat sich also – trotzdem man auf einer Erdplatte lebt – in Ost und West völlig unterschiedlich entwickelt.

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Eurasien erleben: am Obelisken von Perwouralsk können sich Touristen mit einem Bein in Europa und einem Bein in Asien fotografieren lassen (c) iStock.com / saz1977

Wird Eurasien in Zukunft ein Kontinent?

Eurasien umfasst 92 Staaten. Bald werden 5 Milliarden Menschen in Eurasien leben. Macht es da überhaupt Sinn, diese beiden Kontinente in einen zusammenzufassen? Abseits dessen könnten die aktuellen politischen Entwicklungen geradewegs in ein neues Eurasien münden:

Werfen wir einen Blick auf den Begriff „Eurasismus“. Der Eurasismus ist eine geopolitische Ideologie aus dem letzten Jahrhundert. Sie sieht Eurasien als einen unter russischer Führung fungierenden Gegenpol zum „romanogermanischen Europa“. Mit der räumlichen Einheit soll Eurasien auch zur kulturellen Einheit werden.

Konkret bedeutet dies

  • Ablehnung des Bolschewismus, aber eine erweiterte Planwirtschaft in enger Anlehnung an China
  • Ablehnung der westeuropäischen hedonistischen Lebensweise ohne feste Werte
  • Ablehnung der katholischen Kirche, die den wahren christlichen Glaube verfälsche, stattdessen eine christlich-orthodoxe Gesellschaft

Der russische Philosoph Alexander Dugin hat eine neue Stufe des Eurasismus, den noch radikaleren Neo-Eurasismus ausgerufen. Hier werden die alten Feindbilder wieder neu belebt, denn er sieht die USA als den eigentlichen Gegner. Die Devise lautet „Land gegen Meer“. Land steht für Russland, Meer für die USA. Eurasien habe nicht zwischen Europa und Asien zu stehen, sondern das westliche Europa solle Europa unter der Führung Russlands beitreten unter dem Motto „Von Dublin bis Wladiwostok“.

Ist der russische Präsident Putin ein Eurasist? Dugin wird in den Medien oft als Berater Putins dargestellt – verifiziert ist dies nicht. Allerdings handelt Putin nach dem Bestreben, ein neues Großrussisches Reich aufzubauen, nachdem die Weltmacht Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion vor nicht einmal 30 Jahren schon Geschichte zu sein schien.
Heute indes stehen wir vor einem Zerfall Europas: der Brexit, das gescheitertes Referendum und der Rücktritt Renzis in Italien, Anti-EU-Bestrebungen in vielen europäischen Ländern mit einer immer größer aufkommenden Rechten, Flüchtlingskrise, Euro-Krise etc. Zudem ein designierter amerikanischer Präsident, der die Beziehungen der USA zu Europa und Russland völlig neu ordnen will.

Die Globalisierung tut auch in der Frage „Eurasien“ ihr Übriges. Entfernungen sind irrelevant, Warenaustausch global, kulturelle Einflüsse wie kulinarische Genüsse aus allen Ecken der Welt in jedem Supermarkt erhältlich. Auf der anderen Seite werden Ängste geschürt, weil zu viele Menschen meinen, sie blieben auf der Strecke.

Ob es Eurasien gibt – oder bald gibt, ist auch immer eine Frage des Standpunktes: So wird in Südamerika, Japan und Osteuropa sowieso nicht zwischen Europa und Asien unterschieden – hier spricht man längst von dem einen Kontinent Eurasien.

 

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